Sportökonomie: Marktwerte und ihre Determinanten

Wie die Marktwerte von transfermarkt.de zustande kommen, weiß im Detail keiner. Es gibt jedoch einige Studien, die verschiedene Faktoren und deren Einfluss herausarbeiten. Interessant: Neben positionsspezifischen Determinanten spielt vor allem die Stärke der eigenen Mannschaft eine große Rolle!


Die Marktwerte von tm.de

Die Marktwerte der bekannten Internetplattform transfermarkt.de sind in der Fußballbranche in aller Munde. Sowohl in der Presse als auch in Forschungsprojekten der Sportökonomie werden sie als Argumentations- und Vergleichsgröße verwendet.

Das jedoch auch nicht ohne Kritik: Konzeptuell ergeben die Marktwerte wenig Sinn. Konsens ist daher: Für reale ökonomische Zwecke sind sie unbrauchbar. Doch für Argumentationen als Schätzungen der Leistungsfähigkeit eines Spielers haben sie ihren berechtigten Nutzen, sogar in Kreisen professioneller Fußballexperten.

Will man diese Marktwerte zu Argumentationszwecken nutzen, braucht es jedoch auch ein tiefgründiges Verständnis des dahinter liegenden Konzepts. Hier setzt ein weiterer populärer Kritikpunkt an: Wirklich transparent ist der Prozess des Zustandekommens dieser Größen nicht.

Nach einer Aggregation und Wichtung der subjektiven Werteinschätzungen vieler Internetnutzer setzt ein Pate einen bestimmten Wert fest. Eine klare und einsehbare Auflistung der dabei genutzten Argumentationsfaktoren existiert jedoch nicht. Ein User mag einen Stürmer anhand seiner geschossenen Tore bewerten, ein anderer primär anhand dessen Defensivverhalten.

Diese inhaltliche Unschärfe macht eine genaue Einordnung der Werte als Schätzung der Spielerqualität kompliziert. Was sagt mir dieser Wert nun genau? Einige sportökonomische Studien untersuchen zur Beantwortung dieser Frage, welche Faktoren welchen Einfluss auf die Marktwertgestaltung nehmen.

Determinanten und deren Einfluss

Richau et al. rechnen zur Beantwortung dieser Frage rückwärts. Positionsspezifisch erheben sie Marktwerte und verschiedene Typen von Leistungsdaten aus der englischen Premier League von 2012 bis 2017, um deren Zusammenhang und relative Prognoseleistung zu quantifizieren.

Für eine Übersicht zu den jeweils 21 Determinanten pro Position und deren prozentualer Einfluss auf den Marktwert verweise ich hier auf die Originalquelle. Grundsätzlich ist aber vor allem folgendes spannend:

Zunächst ist bei allen Spielern gleich welcher Position der Rang des eigenen Teams von größter Bedeutung. Während diese in Zahlen ausgedrückte Mannschaftsleistung Verteidigermarktwerte zu 35 % beeinflusst, beträgt dessen Bedeutung auch bei Stürmern noch über 25 %.

Darüber hinaus sind die Determinanten für jede Positionsgruppe signifikant verschieden. Bei der Bewertung von Stürmern gehen Tore, Schüsse und Pässe mit aggregierten 42 % ein. Dagegen spielen bei Mittelfeldspielern Assists, die Anzahl an Zweikämpfen und gespielte Pässe eine große Rolle.

Grundsätzlich spiegelt das offensichtlicherweise jene einschlägige Vorstellung wider, welche harten Faktoren die Leistung eines Fußballspielers auf einer gewissen Position prägen. Angesichts der hohen Komplexität von sportlicher Leistung fällt aber auf, dass diese im Konzept Marktwerte auch nur ausgesprochen rudimentär dargestellt wird. Bestes Beispiel sind Verteidiger, bei denen Alter, Schüsse und Pässe den Marktwert zu über 30 % prognostizieren. Aspekte wie erfolgreiche Zweikämpfe haben dagegen nur nachgeordnete Relevanz.

Was bedeutet das nun?

Dieser Blick von Richau et al. eröffnet neue Perspektiven auf die Marktwerte von Transfermarkt. Damit werden Einordnung und Interpretation dieser Werte, dieser „Schätzungen der Qualität“ nun genauer.

Ein hoher Marktwert eines Stürmers bedeutet also mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass er in einem gut performenden Team viele Tore erzielt. Ein niedriger Marktwert eines Mittelfeldspielers bezieht sich vermutlich vor allem auf dessen unterdurchschnittliche Leistungen in Aspekten der Chancenerarbeitung.

Angesichts der komplexen und umfassenden Arbeit im Scouting ist daher aber auch folgendes zu bedenken: Ein tiefgründiges Verständnis von Spielerleistung spiegeln die Marktwerte besonders bei Verteidigern nicht wider. Damit bleiben sie als Qualitätseinschätzung eines Spielers nicht nur aus ökonomischer, sondern auch aus fußballanalytischer Sicht nur eine grobe Orientierung und keineswegs für professionelle Zwecke brauchbar.

Genauso sind diese Ergebnisse beispielsweise aber auch auf das Modell des Homo Oeconomicus im Fußball und dem individuellen Verhalten der Spieler übertragen. Das führen Richau et al. in ihrem Artikel noch näher aus.


Zum Nachlesen

Richau, L., Follert, F., Frenger, M., Emrich, E. (2019). Performance indicators in football: The importance of actual performance for the market value of football players. In: Sciamus – Sport und Management, 4/2019 (Link), 40–67.


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