Sportökonomie: Was taugen die Marktwerte von Transfermarkt?

Die Marktwerte von transfermarkt.de werden immer populärer, auch in der Forschung. Doch genauso häufig stehen sie in berechtigter Kritik. Denn in der ökonomischen Praxis sind sie unbrauchbar. Gerade für argumentative Zwecke eignen sie sich dennoch gut.


Beeindruckende Zahlen

Wahrscheinlich kennt jeder Fußballfan die Internetplattform Transfermarkt. Mit journalistischer Berichterstattung ist sie vor allem mit ihrer großen Datenbank und zahlreichen Diskussionsforen rund um den internationalen Fußball eine spannende Informationsquelle für jeden Fan.

Besonders sind dabei die sog. Marktwerte für Spieler, die die Plattform zur Verfügung stellt. Cristiano Ronaldo ist nur noch 35 Millionen Euro wert?!

Die Marktwerte von Transfermarkt sind auf jeden Fall in aller Munde. Die IVW schätzte die Website 2018 als eine der am häufigsten besuchten in Deutschland ein. Ein Bundesligaklub erwähnte die Marktwerte sogar einmal in einem Jahresabschlussbericht.

Außerdem spielen die Marktwerte in Forschungskreisen eine große Rolle. Besonders für die Untersuchung verschiedener Determinanten des sportlichen Erfolgs wird diese Größe von verschiedenen Studien herangezogen.

Aber wie kommen diese Marktwerte zustande?

Trotz der in den letzten Jahren stetig gestiegenen Bekannt- und Beliebtheit der Marktwerte gibt es immer wieder auch berechtigte Kritik. Diese setzt besonders beim Zustandekommen dieser Größen an.

Denn dieser Prozess ist hochgradig intransparent und subjektiv. In einem Forum werden zunächst persönliche Einschätzungen zu einem Spielermarktwert gesammelt. Diese werden dann von sog. Paten aggregiert und gewichtet, um daraufhin den endgültigen Marktwert festzulegen.

Die Einschätzungen der User und Paten können dabei beispielsweise auf dem Alter des Spielers, dessen Verletzungshistorie und dessen Leistungsdaten basieren. Klare Leitlinien und Vorgaben existieren dabei jedoch nicht.

Die Macht der Menge

Dieser Bewertungsprozess folgt dem Prinzip wisdom of crowds nach Surowiecki. Demnach gleichen eine Vielzahl an Einschätzungen vereinzelte extreme Vorschläge aus. Somit gelange man effizienter zu einer Lösung, die zudem genauer sei als eine Einschätzung von bspw. einem einzelnen Experten.

Genau das unterstreichen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Es zeigt sich beispielsweise, dass die Marktwerte von Transfermarkt durchaus in hohem Maße mit den in der Realität tatsächlich gezahlten Ablösen korrelieren.

Dennoch werfen Subjektivität und Intransparenz im Entstehungsprozess weiterhin große Fragezeichen auf. Wie aussagekräftig sind die Marktwerte also wirklich?

Unbrauchbar für ökonomische Zwecke …

Die Marktwerte sind auf jeden Fall für ökonomische Zwecke in der Praxis ungeeignet. Das zeigt ein Paper der Autoren Ackermann und Follert, in dem sie die Frage untersuchen: Kann ein Fußballklub diese Größe als Orientierung für Transferverhandlungen nutzen?

Dabei zeigen sie, dass die Marktwerte bedeutenden Grundsätzen der modernen Bewertungstheorie drastisch widersprechen. Weder ziehen sie ausschließlich Zahlungen in Betracht, noch beziehen sie sich ausschließlich auf die Zukunft.

Insbesondere verstoßen sie gegen das Prinzip der Subjektbezogenheit. Normalerweise ist eine Bewertung immer abhängig von dem, der bewertet. Schließlich halte ich vermutlich mein eigenes Auto für wertvoller als zum Beispiel ein Außenstehender.

Doch die Marktwerte basieren auf der klaren Idee, dass einem Spieler ein fester Wert anhaftet – ohne Rücksichtnahme auf den Bewertenden und dessen spezifischen Kontextes. Das spiegelt die Realität nicht im Ansatz wider.

Daher empfehlen die Autoren auch: Ein Klub muss im Vorfeld von Transferverhandlungen ungefähr einschätzen, wie hoch der Wert des betreffenden Spielers ist. Die Marktwerte sind für diese Einschätzung aber keine Hilfe.

… aber nützlich bei Argumentationen!

Doch die Marktwerte sind keineswegs unnütz! Als Annäherungswert (in Ermangelung einer besser geeigneten Größe) können sie beispielsweise in Verhandlungen oder auch in Forschung und Presse wertvoll sein.

Denn zum einen unterstreicht die weltweite Popularität der Werte eine gewisse Akzeptanz in der Fußballwelt. Außerdem liegen sie ja doch immer wieder nahe an den wirklich gezahlten Ablösen. Die Marktwerte können daher also als „Expertenschätzung bzgl. der Spielerqualität verstanden werden“, so die Autoren.


Zum Nachlesen:

Ackermann, P., Follert, F. (2018). Einige bewertungstheoretische Anmerkungen zur Marktwertanalyse der Plattform transfermarkt.de. In: Sciamus – Sport und Management, 3/ 2018 (Link), 21–41.


2 Kommentare zu „Sportökonomie: Was taugen die Marktwerte von Transfermarkt?

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