Sportökonomie: Die Auswirkungen des Bosman-Urteils

Weniger Ablösen, mehr Freiheit für die Spieler, mehr Probleme für die Klubs!

1995 revolutioniert ein Gerichtsurteil den europäischen Fußball. Im Fall Bosman entscheidet der Europäische Gerichtshof, dass bei Spielertransfers Ablösesummen nur noch teilweise gezahlt werden müssen. Das veränderte den Transfermarkt massiv!


Das reine Transfersystem

Viele Fans der heutigen Generation wissen das vermutlich nicht: Vor 1995 wurde bei jedem Spielertransfer eine Ablösesumme gezahlt. Auch wenn der Vertrag zuvor ausgelaufen oder beendet worden war. Das war feste Regel.

War ein Spieler für einen Wechsel verfügbar, wurde er auf die sog. Transferliste aufgenommen. Die interessierten Vereine verhandelten dann mit dem Verein eine Ablöse. Klappte das nicht, schaltete sich ein Schiedsgericht ein.

Der Bosman-Fall

Das ist aus heutiger Sicht überhaupt nicht mehr vorstellbar! Die Probleme dieses Systems werden an dem Bosman-Fall deutlich.

Schließlich wurden die Spieler so deutlich in ihren Freiheiten eingeschränkt. In diesem Fall verklagte Jean-Marc Bosman den belgischen Verband auf Schadenersatz. Denn: Nach Vertragsende verlangte Bosmans alter Arbeitgeber RFC Lüttich immer noch eine hohe Ablösesumme, die lange kein Verein zahlen wollte. Damit sah er sich in seiner Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt.

Das Urteil

Nach mehreren Verhandlungen an verschiedenen Gerichte und Protestbriefen von UEFA und FIFA entschied der EuGH letztlich: Profifußballer in der EU sind genau wie alle anderen freien Arbeitnehmer zu behandeln.

Bosman durfte sich nach Vertragsende seinen neuen Klub frei aussuchen. Und vielmehr: Die Zahlung von Ablösen bei Transfers nach Vertragsende war von nun an komplett verboten.

Das partielle Transfersystem

Seitdem gilt im Fußball das partielle Transfersystem. Partiell, weil nur noch bei bestimmten Transfers eine Ablöse zu zahlen ist. Genau dann, wenn der Vertrag noch läuft oder wenn es sich um einen Spieler außerhalb der EU handelt. Ist der Vertrag aber ausgelaufen, gilt der Spieler als ablösefrei.

Konsequenzen

Der Spielermarkt spaltete sich so in das klassische Transfersystem und den freien Spielermarkt. Das hatte bedeutende Folgen. Denn das reine Transfersystem bestand zuvor nicht ohne Grund.

Vor allem sollte es das sog. hold up Problem lösen: Wenn ein Verein in einen Spieler und dessen Ausbildung investiert, erhofft er sich davon reichlich Ertrag. Aber wenn der Spieler den Verein verlässt, verliert man schlagartig dessen gesamtes Humankapital.

Das führt dazu, dass sich ein Klub zweimal überlegt, ob und wieviel er in den Nachwuchs investiert. Nun ist aber die Ausbildung guter Spieler für die Aufrechterhaltung des Systems Fußball eminent wichtig.

Was tun? Das reine Transfersystem basierte auf der Idee, dass diese Investitionen durch die bei einem Wechsel stets zu zahlende Ablöse kompensiert werden. Seit dem Bosman-Urteil können sich Klubs darauf nicht immer verlassen.

Stattdessen weichen sie seitdem auf andere Möglichkeiten aus. Um so lange wie möglich mit einem Spieler Profit machen zu können, werden immer öfter langfristige Verträge abgeschlossen. Auch der Trend der Farm-Systeme stammt daher.

Strukturelle Korrekturen

Doch auch damit erreicht man aus Klubsicht nicht mehr die Sicherheit des vorherigen Systems. Um dem hold up Problem zumindest teilweise zu begegnen, nahmen die Verbände daher in 2005 einige Korrekturen am europäischen Transfersystem vor. Wesentlich war dabei die Ausbildungsentschädigung.

Eine solche Zahlung wird zum ersten Profivertrag und jedem Transfer bis zum 23. Lebensjahr fällig. Jeder Verein, der den Spieler nach seinem 12. Lebensjahr ausgebildet hat, kann so bis zu 90.000 € pro Transfer erhalten.

Fazit

Letztlich bleibt nach dem Bosman-Urteil ein schlicht bedeutend anderes Transfersystem zurück. Eines, das dem Spieler mehr Freiheiten gewährt und Klubs zwingt, ihr sportökonomisches Verhalten anzupassen.


Zum Nachlesen

Daumann, F. (2019). Grundlagen der Sportökonomie. München: utb (3. Auflage), S. 32–34.


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