Sportökonomie: Warum Teamleistung nicht Trainerleistung heißt

„1,5 Punkte pro Spiel sind zu wenig, wir entlassen den Trainer!“ Viele bewerten Fußballtrainer an solchen Statistiken. Doch das ist deutlich unterkomplex. Für diese Frage braucht es eine komplexere und differenziertere Methode. Diese Studie hat genau das probiert.


Wie bewertet man die Arbeit eines Trainers?

Der Fußball hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem professionellen und kommerziell geprägten Business entwickelt. Das bedeutet auch, dass sich die Arbeiter in dieser Branche – Spieler, Trainer, Manager– an Effizienzkriterien messen lassen müssen.

Meist ist eine Bewertung dieser Art schwierig. Selten sind Arbeitsergebnisse und die zugrunde liegenden Einzelanstrengungen von außen klar zu erkennen und voneinander zu trennen. Das gilt auch für den Fußball. Nicht umsonst werden häufig Trainer entlassen und ausgetauscht, ohne dass das einen positiven Effekt hat.

Der Vorteil des modernen Fußballs: Über jeden Spieler, Trainer und Klub werden unglaublich viele Statistiken gesammelt. Datenanalysen bieten einen großen Mehrwert für begründete und kluge Entscheidungen.

Auf dieser Basis existieren heute spannende und hochkomplexe Bewertungssysteme für Trainer. Doch diese schauen wir uns mal in Zukunft an. Es lohnt sich zunächst auch ein Blick in die Vergangenheit. Ein Paper von Dawson et al. gibt einen spannenden Überblick über Untersuchungsansätze zur Bewertung von Trainern anhand von Produktionsfunktionen bis zum Jahr 2000.

Produktionsfunktionen

Auch ein Fußballspiel kann anhand eines ökonomischen Produktionsprozesses beschrieben werden. Grundsätzlich ist es so: Einzelne Sportler kooperieren und produzieren dadurch sportliche Leistung. Diese Leistung wird wiederum durch zahlreiche, verschiedene, interdependente Faktoren bedingt.

Abbildung 1: Determinanten der sportlichen Performance (eigene Darstellung nach Daumann, 2019).

Wie sich dieser Prozess konkret darstellt, bleibt diskutabel. In der sportökonomischen Literatur existieren jedenfalls viele verschiedene Erklärungsmodelle.

Einen spannenden Einblick bieten die verschiedenen vorgeschlagenen Produktionsfunktionen. Produktionsfunktionen beschreiben im Allgemeinen den Zusammenhang zwischen den Inputs und den während des Produktionsprozesses entstehenden Outputs.

Was wird also beim Fußball in die Produktion eingegeben? In welchem Verhältnis stehen diese Inputs? Und was kommt dabei heraus?

Welches Modell ist das beste?

Dawson et al. (2000) fassen in ihrem Paper die relevantesten Produktionsfunktionen zusammen, die bis 2000 vorgeschlagen wurden. Diese bieten einen Einblick in spannende Ideen zur (zugegeben vereinfachten) Strukturierung des Fußballprozesses und auch deren analytische Potenziale.

Rottenberg war im Jahr 1956 der erste, der die Fußballproduktion mathematisch beschrieb.

P * Q = f(T, X)

P … Eintritt | X … Andere Faktoren
Q … Zuschauer | T … Talent

Schon damals erkannte diese simplifizierte Funktion die Multideterminiertheit der sportlichen Leistung; genauso wie die Möglichkeit, das verschiedene Teams verschiedene Leistungsniveaus (Talent) aufweisen.

Ungewöhnlich ist jedoch, dass Rottenberg die Zuschauereinnahmen als Output der Fußballproduktion ansieht. Bis heute setzte sich vielmehr durch, dass die sportliche Leistung am Ende der sportlichen Produktionskette steht. Scully (1974) schlug vor diesem Hintergrund folgende Form vor:

L = W | W * M = E

L … Sportliche Leistung
W … Sieghäufigkeit
M … Marktgröße
E … Einnahmen

Nach Scully entspricht der Output sportliche Leistung der Sieghäufigkeit des entsprechenden Teams. Diese Zahl bedingt mit der Marktgröße daraufhin dessen Einnahmen.

Im Laufe der Zeit entwickelten viele Autoren diese Ansätze weiter. Bis 2000 fassen Dawson et al. folgende zusammen:

Das basic Modell A ist folgendes. Die Teamleistung (W) entsteht aus der Leistung der Einzelspieler (L), dem Input des Trainers (C) und weiteren Faktoren (X).

W = f(L,C,X)

Ein Problem dieser Idee ist jedoch, dass dem Trainer kein Einfluss auf das Spielertalent (als getrennte Variable) zugeschrieben wird. Nach Modell A beeinflusst er nur Aspekte wie die Kaderauswahl, jedoch nicht das Leistungsvermögen der Spieler an sich. Daher ist noch eine Erweiterung nötig:

W = f(L,C,X,Y)

Dabei entspricht L nicht mehr dem als konstant betrachteten Leistungsniveau, sondern dem „raw talent“ der Spieler. Die Variable Y (z. B. Coaching, externe Faktoren) kann dieses über die Zeit verändern.

Dieses Modell war zum Zeitpunkt des Papers die ausgereifteste und anerkannteste Produktionsfunktion im Fußballkontext – zur leichten Handhabung ausreichend simplifiziert, dennoch die Komplexität des Sports nicht verkennend.

Nun braucht man für die spezifische Anwendung dieser Gleichung nur noch jeweils passende Definitionen für die einzelnen Variablen.

Dawsons Studie

Dawson et al. wenden dieses Modell auf die Premier League 1992 bis 1998 an. Mit einem großen Datensatz testen sie zum einen viele der angesprochenen Definitionen; messen, wie robust und sinnvoll die jeweiligen Modelle dann sind. (Beispiel: Ist es klüger, die Sieghäufigkeit oder den Tabellenrang als Maß für die Teamleistung zu nutzen?)

Zum anderen, und das soll uns zunächst stärker interessieren, wenden sie diese Modelle auch auf eine weitere spannende Frage an: Wie effizient agieren Fußballtrainer?

Über verschiedene statistische Wege kann man mithilfe der ideal-theoretischen Produktionsfunktionen die Unterschiede zwischen der von einem Team erwarteten (erwarteter Output anhand der Inputs) und der tatsächlich gezeigten Leistung (realer Output) ermitteln – also ein Maß der Effizienz der Team- bzw. Trainerleistungen erhalten. Was kam dabei heraus?

Ergebnisse

Je nach Bestimmungsmodell arbeiteten die Trainer der Premier League in den Jahren 1992 bis 1998 ungefähr zwischen 70 % bis 98 % effizient. Diese Unterschiede hängen vor allem davon ab, wie die sportliche Leistung definiert und gemessen wird.

Welche Definitionen für welche Variablen am aussagekräftigsten sind, zeigen Dawson et al. ausführlich. Für unsere Praxis spannender ist aber folgendes Nebenergebnis: Die sportliche Leistung korreliert nur teilweise mit den messbaren Ergebnissen, insbesondere der Sieghäufigkeit.

Teamleistung heißt also nicht unbedingt Trainerleistung.

Zum einen bedingen zahlreiche verschiedene Faktoren die sportliche Leistung. Wir dürfen uns in der Bewertung somit nicht auf einige wenige beschränken – das würde der Komplexität nicht gerecht.

Zum anderen besteht teils eine bedeutende Diskrepanz zwischen den verfügbaren Daten über Fußball und deren Interpretationen. Man muss immer irgendwo simplifizieren, doch eine unterkomplexe Metrik wie die Sieghäufigkeit oder der Punkteschnitt hat vergleichsweise schon sehr wenig Aussagekraft.

21 Jahre nach der Studie von Dawson et al. haben wir das Glück, deutlich komplexere Statistiken zur Verfügung zu haben – teils super spannende Modelle, die in der Praxis nützlich sind. Doch auch hier gilt es, deren Aussagekraft im Gesamtkontext zu hinterfragen und einzuordnen.

Fußball ist differenziert zu betrachten – alles andere würde seiner Komplexität nicht gerecht.


Quellen

Dawson, P., Dobson, S. & Gerrard, B. (2000), Estimating Coaching Efficiency in Pro- fessional Team Sports: Evidence from English Association Football, in: Scottish Journal of Political Economy, Vol. 47, S. 399-421.

Daumann, F. (2019). Grundlagen der Sportökonomie. 3. Auflage, S. 128.


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