Sportökonomie: Der Sieger ist berechenbar!

Der Sieger eines Fußballspiels ist berechenbar! Gut, das ist etwas überspitzt. Aber: Die sportliche Leistung hängt von vielen Determinanten ab. Kennt man deren Einfluss, kann man die Siegchance der jeweiligen Teams vorhersagen. Die folgende Studie hat genau das getan.


Hintergrund

Schon seit den Anfängen der Sportökonomie beschäftigt die Forscher eine große Frage: Wovon hängt sportlicher Erfolg ab?

Theoretisch beeinflussen tausende Faktoren die Produktion sportlicher Leistung und damit auch den sportlichen Erfolg. Zum Beispiel spielt die Motivation der einzelnen Spieler, die Kompetenz des Trainers oder das Fanverhalten eine Rolle. Die spannende Frage ist aber, zu welchem Ausmaß.

Abb. 1: Determinanten der sportlichen Performance. (Eigene Darstellung in Anlehnung an: Daumann (2020), S. 128)

Zu dieser Frage findet man im Bereich der Sportökonomie zahlreiche Studien. All diese legen jeweils einen anderen inhaltlichen Fokus. Die allerersten untersuchten beispielsweise den Einfluss der Spieler- und Trainergehälter auf den sportlichen Erfolg. Auch ich persönlich bin erst über eine solche Studie zur Sportökonomie gekommen. Die folgende Studie führt diesen Gedanken weiter.

Globalisierung und Kommerzialisierung verändern den Sport …

Die Autoren Gerhards, Mutz und Wagner kommen primär aus dem Feld der Soziologie. Dort setzt auch ihre Untersuchung an.

Die Trends der Kommerzialisierung und Globalisierung haben den Fußball in den letzten Jahren eindrücklich geprägt und verändert.

Kommerzialisierung

Klubs agieren immer häufiger wie Wirtschaftsunternehmen. Die Spieler sind dabei deren wichtigstes Kapital. Durch permanentes Beobachten und Dokumentieren (Scouting, Sports Analytics) kann anhand von klaren Indikatoren die Spielstärke der Akteure als Kapitalwert gemessen werden.

Das bietet eine belastbare Grundlage für Investitionen in neues Humankapital (Ablöse, Gehalt). Über die Jahre sind im Zuge der Professionalisierung des Sports diese Ausgaben signifikant angestiegen. Gleichzeitig ging damit ein Anstieg der Ungleichheit des Gehalts unter den Sportlern einher.

Globalisierung

Außerdem finden heute schlicht mehr Transfers statt als noch vor 20 Jahren. Die Globalisierung überwand vor allem die nationalen Grenzen im Fußballgeschäft. Heutzutage bilden Spieler aus verschiedensten Ländern ein Team, gleichzeitig verändert sich dessen Gesicht von Jahr zu Jahr.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stellen also die Faktoren Marktwert, interne Ungleichheit und weiter auch Kulturelle Diversität und Volatilität im Kader Determinanten für den sportlichen Erfolg dar.

… aber wie?

Aber welchen Einfluss haben diese Faktoren genau? Gerhards et al. näherten sich genau dieser Frage mithilfe einer umfangreichen Datenbasis aller Spiele der zwölf besten Fußballligen Europas aus der Saison 2012/13 und multipler Regressionsanalysen.

Folgende Ergebnisse lassen sich festhalten.

Marktwert

Zwischen dem durchschnittlichen Marktwert und dem sportlichen Erfolg eines Teams besteht ein starker Zusammenhang. Je wertvoller eine Mannschaft, desto mehr Punkte darf man von ihr erwarten. Es liegt jedoch keine streng lineare Korrelation vor, der Grenzertrag nimmt mit steigendem Marktwert ab.

In der Praxis heißt das folgendes: Steigert man den Marktwert seines Teams um eine Standardabweichung, kann man mit knapp 13 Punkten mehr rechnen. Wieviel für diesen Schritt jedoch absolut zu investieren ist, hängt von den Konkurrenten ab. In der griechischen Liga muss man logischerweise weniger Millionen zahlen als in England.

Ungleichheit

Im Gegensatz zum Marktwert zeigt diese Studie, dass die Marktwert-Ungleichheit keinen signifikanten Einfluss auf den sportlichen Erfolg nimmt. (Es gibt jedoch auch andere Untersuchungen, die das Gegenteil aufzeigen.)

Diversität

Die Diversität innerhalb eines Kaders hinsichtlich der Geburtsländer der Spieler wirkt dagegen auf eine spannende Weise. Es ist ein signifikanter, aber nicht linearer Einfluss zu erkennen.

Bis zu einem gewissen Grad wirkt sich kulturelle Heterogenität positiv auf die sportliche Leistung aus. Danach dreht sich die Korrelation ins Negative.

Man könnte vermuten: Um ein komplexes Problem wie ein Fußballspiel zu lösen, ist eine Mischung verschiedener Fähigkeiten, Fertigkeiten und Hintergründe förderlich. Aber man muss sich auch verständigen können. Zu große Heterogenität ist also kontraproduktiv.

Volatilität

Die Volatilität, also die Anzahl an getätigten Transfers eines Teams, wirkt negativ linear auf dessen sportlichen Erfolg. Je mehr Spieler also den Kader verlassen und/ oder neu hinzukommen, desto weniger Punkte holt das Team.

Das entspricht der Intuition vieler Fußballfans. Denn das Einspielen gewisser technischer und taktischer Abläufe, die Kooperation innerhalb des Teams braucht seine Zeit.

Erwähnenswert ist: Transfers im Winter bedeuten einen stärkeren Negativeffekt als jene im Sommer. Das erklärt sich mit der deutlich geringeren Eingewöhnungszeit mitten in der Saison.

(Obwohl hier auch ein Auswahlproblem vorliegt: Meist werden vor allem jene im Winter aktiv, die zuvor schlecht performten. Dass diese aufgrund komplexerer Probleme auch mit den neuen Spielern sehr schlechte Leistungen zeigen, ist nicht unwahrscheinlich.)

Prognosemodell

Insgesamt nehmen also sowohl der Marktwert, die Diversität als auch die Volatilität innerhalb eines Fußballteams Einfluss auf dessen sportlichen Erfolg. Anhand dieser Daten kann man also auch das potenzielle sportliche Abschneiden prognostizieren.

Das Prognosemodell von Gerhards et al. zeigt dabei, dass vor allem der Marktwert diese Überlegungen trägt. Mit einem Prognosepotenzial von 0,68 ist er die bedeutendste Determinante des sportlichen Erfolgs. Volatilität und Diversität sind auch signifikante Faktoren, allerdings deutlich weniger wichtig.

Fazit

Im Fußball lässt sich der Sieger also doch irgendwie berechnen! Zumindest wissen wir nun, wie die vier durch Kommerzialisierung und Globalisierung entstandenen Faktoren Marktwert, Ungleichheit, Diversität und Volatilität den sportlichen Erfolg bedingen. Damit können wir zu Saisonbeginn durchaus eine Prognose wagen, wer sich am Ende wo auf der Tabelle wiederfinden wird.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das natürlich super spannend. Gleichzeitig muss man aber auch folgenden Gedanken im Kopf haben: Wird der Sport nicht dadurch langweiliger? Sportökonomisch betrachtet ist der Spannungsgrad eines Wettkampfs ein entscheidendes Kriterium für die Nachfrage durch Stadionbesucher und Fernsehzuschauer. Sind Globalisierung und Kommerzialisierung damit vielleicht doch schädlich für den Fußball?


Quellen:

Gerhards, J., Mutz, M., Wagner, G. (2014). Die Berechnung des Siegers: Marktwert, Ungleichheit, Diversität und Routine als Einflussfaktoren auf die Leistung professioneller Fußballteams. Zeitschrift für Soziologie, 43(3), 231–250. https://doi.org/10.1515/zfsoz-2014-0305

Daumann, F. (2019). Grundlagen der Sportökonomie, 3. Aufl., Konstanz, München.


2 Kommentare zu „Sportökonomie: Der Sieger ist berechenbar!

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