Trainertagebuch #3: Wie viel Bolzen ist gut?

Endlich beginne ich nun, im November 2021, als Fußballtrainer aktiv zu sein. Zunächst beginne ich in einem lokalen Verein als Trainer einer U10. In diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen dokumentieren.


Das Bolzen ist ein großes Thema geworden in meinen ersten zweieinhalb Monaten als Jugendtrainer. Wie viel Langholz ist für die Jungs eigentlich gut? Hier ein paar Gedanken.

Kontext

In nahezu jeder Spielform bei unserer U10 tendieren die Jungs dazu, das Spielfeld schnell mit langen Bällen zu überbrücken. Häufig schieben viele Spieler direkt in hohe Zonen, um dort das hohe Zuspiel anzunehmen. Erfolgreich ist das jedoch nur selten.

Zwar ist bedeutender Raumgewinn durchaus häufig möglich, meist entsteht dieser aber aus Zufall. Die langen Bälle kommen selten an, produzieren vielmehr nur zahlreiche ping-pong-ähnliche Situationen.

Schlechte Seiten

Mein Gefühl sagt mir dabei immer wieder, dass diese Spielweise nicht förderlich sein kann. Schließlich macht man sich dadurch die vielfältigen Vorteile einer komplexen Spielform wie bspw. Funiño zunichte.

Zum einen treten dadurch verschiedene Aspekte des klassischen Kombinationsspiels in den Hintergrund. Kurzes Passspiel, das kluges Freilaufverhalten, die richtige Passtechnik und Passschärfe trainiert, tritt wenn überhaupt nur vereinzelt auf.

Zum anderen beschränkt übermäßiges Bolzen die Möglichkeiten für Dribbling-Aktionen jedweder Art. Die Jungs kommen nur selten in eine Situation, in denen sie ein erfolgsversprechendes 1v1 sehen und ausprobieren wollen. Ist das förderlich?

Gute Seiten

Ich kann gut nachvollziehen, wie diese Art und Weise zu spielen zustande kommt. Der erste Instinkt eines Spielers ist logischerweise, den direktesten Weg zum gegnerischen Tor zu wählen.

Zudem: Ab und an probieren die Jungs die kurze Lösung. Wenn die Kombination klappt, entstehen sofort sehr spannende Torchancen. Meist haben physische Gegner dann jedoch einfaches Spiel, den Ball zu gewinnen. Das frustriert natürlich und lässt einen den Ball lieber lang schlagen. Man möchte den Jungs ja einen spielerischen Weg zeigen, doch ihre Intuition verhindert häufig schon den Versuch.

Zu lernen, wie man mit einem langen Ball umgeht, ist ja keineswegs schlecht. Im Gegenteil – auch das ist ein Aspekt des Spiels, dem man sich motorisch und kognitiv nicht entziehen darf. Wie spiele ich einen langen Chipball? Wie verarbeite ich ihn? Wie schaffe ich es, den Ball anschließend zu behalten?

Um diese Gesichtspunkte zu lernen, muss man auch mit solchen Situationen konfrontiert werden. Gerade letzteres ist schließlich auch eine super Möglichkeit, die eigene Reaktionsschnelligkeit spielnah zu trainieren.

Intuition

Intuitiv würde ich denken, dass es aufgrund dieser förderlichen und nicht-förderlichen Seiten des „Bolzens“ im Jugendbereich vor allem auf eine ausgewogene Mischung jeglicher Art von Spielsituation ankommt. Mal müssen die Jungs einen hohen Ball unter Druck verarbeiten, mal müssen sie sich flach von hinten herauskombinieren.

So zumindest meine Arbeitshypothese. Ich halte diesen Ansatz (ohne externen Input bisher) für am logischsten. Doch ist das wirklich so?

Unsere Übungen würde ich nach bisherigem Kenntnisstand auf jeden Fall stets nach diesem Prinzip strukturieren. Wir wollen die Jungs ja primär einfach spielen lassen. Offene Spielformen mit vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten für jeden, viele Wiederholungen zum simultanen Trainieren der technisch-koordinativen Elemente.

Es bleibt aber schwer, das Prinzip der Balance dem Team zu kommunizieren. „Spielt mal so, mal so.“, zu sagen, hilft nicht wirklich weiter, oder?

Lösungen?

Daher überlege ich, ob vielleicht eine zusätzliche Spielregel (bspw. bei Funiño) indirekt eine bessere Balance schaffen könnte. Torschusszonen haben wir schon einmal ausprobiert. Diese führen zumindest situativ, vor allem im letzten Drittel zu verstärktem Fokus auf kurze Lösungen. Doch lange Abstöße verhindern sie auch nicht.

Jene nur noch flach einspielen zu lassen, verschiebt unserer Erfahrung nach nur das Problem. Dann wird der erste Pass kurz gespielt, danach aber direkt lang geschlagen.

Eine – zugegeben etwas verrückte – Idee wäre noch eine Art Budgetregel. „Nur x-Mal darf der Ball in diesem Spiel über Kniehöhe gespielt werden.“ Das ist sicher nicht zwingend spielnah. Ob es einen wünschenswerten Effekt hat, müsste man aber mal herausfinden.

Fazit

Essentiell bleiben auf jeden Fall Kommunikation und Feedback. Mit einem Einzelspieler hatte ich diesbezüglich zuletzt sogar ein ziemlich cooles Aha-Erlebnis. Ich stoppte das Spiel, fragte die Jungs nach einer klügeren Lösung und bekam direkt eine sinnvolle Antwort, verbunden mit einer Nachfrage. Die anschließende Szene führte direkt zu einer gefährlichen Chance, was mir von dem Jungen direkt wieder positiv zurück vermittelt wurde.

Das Spiel zu stoppen und mögliche Lösungen zu erklären, hilft zumindest mir und dem Team bisher sehr. Genauso gilt es, im Nachhinein auf starke Szenen hinzuweisen. Dabei die Jungs direkt selbst zu fragen, schafft noch einmal einen zusätzlichen Lerneffekt.

Abgesehen davon bin ich mir aber noch unsicher, wie mit der Bolzer-Spielweise am klügsten umzugehen ist. Was meint ihr?


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