Sportökonomie: Ein Trainerwechsel lohnt sich nicht!

„Der Trainer ist der erste, der fliegt!“ Im Fußball gibt es keine Personalie, die in der Branche mehr diskutiert wird, als die des Trainers. Durchschnittlich 15 Mal pro Bundesliga-Saison wird ein Trainer entlassen. Ergibt das Sinn? Nein! Ein sportökonomischer Überblick zeigt warum.


Die Rolle eines Trainers

Der Trainer im Fußball spielt eine bedeutende Rolle. Seine hauptsächliche Aufgabe ist, ein Spielsystem zu etablieren, dass seinen Club erfolgreich macht.

Eine weitere Aufgabe des Trainers ist seine Funktion als Monitor. Das bedeutet, dass er die Leistungsfähigkeit jedes Spielers kontrolliert; wie auch seine Motivation zum Erbringen seiner Top-Leistung. Damit verbunden ist die Aufgabe des Trainers von Belohnung und Sanktion beim Erbringen von mangelhafter Leistung.

Der Trainer hat also einen riesigen Einfluss auf die Leistungserbringung von Spielern und Team. Deswegen meinen viele, dass der Trainer die wichtigste Person auf dem Platz und vielleicht auch im Club sei.

Aber die sportliche Leistung ist ein hochkomplexes Geschehen, dass noch durch viele andere Faktoren bestimmt wird. Beispielsweise sind exogene Faktoren wie das Fanverhalten während des Spieles bisweilen erfolgsentscheidend. Die Fans sind der legendäre Zwölfte Mann auf dem Platz.

Letztendlich werden Erfolg und Misserfolg durch eine unüberschaubare Anzahl von internen und externen Determinanten bestimmt, sodass sich monokausale Rückschlüsse als eine unterkomplexe Perspektivierung des Spielgeschehens wie auch des Cluberfolges in toto entlarven. Der individuelle Beitrag zum Erfolg einer Fußballmannschaft lässt sich nicht klassifizieren oder quantifizieren. So meine Arbeitsthese.

Der Trainerwechsel als Mechanismus Nr. 1

Schwache sportliche Phasen werden in der Praxis dennoch primär an der Trainerpersönlichkeit festgemacht. Man kann wohl sagen: „Der Erfolg hat viele Väter. Am Misserfolg ist der Trainer schuld“. „Um einen Impuls zu setzen“, die Mannschaft während der Saison wieder erfolgreich aufzustellen, ist eine Veränderung der Besetzung des Trainerpostens die am häufigsten gewählte Lösung. Warum ist das so?

Zum einen ist der große Einfluss des Trainers auf den sportlichen Erfolg nicht von der Hand zu weisen. Zum anderen ist es schlicht einfacher, finanziell deutlich weniger schmerzhaft, nur eine statt mehrere Personen neu unter Vertrag zu nehmen. Anhand von Effizienzkriterien scheint ein Trainerwechsel also auf den ersten Blick sinnvoll. Doch ist das wirklich so?

Vielversprechender Zeitvergleich

Mit dieser Frage beschäftigen sich einige lesenswerte Studien der Sportökonomie. Ein ausführlicher Zeitvergleich der sportlichen Leistungen vor und nach einem Trainerwechsel zeichnen dabei zunächst ein zustimmendes Bild.

Bei vielen Teams folgt einer vergleichsweise konstanten Phase plötzlich eine Periode von rasantem Leistungsabfall, die mit zwei oder drei äußerst schlechten Spielen in einer Beurlaubung des Trainers mündet.

Nachdem ein neuer Verantwortlicher installiert wurde, entwickelt sich die durchschnittliche Punkteausbeute wieder rasant nach oben und pendelt sich nach einiger Zeit wieder auf einem konstanten Level ein.

Diese Durchschnittswerte spiegeln ohne Frage die subjektiven Beobachtungen des eingefleischten Fußballfan wider.

Ernüchternder Norm- und Betriebsvergleich

Um die Frage nach dem Sinn solcher Personalentscheidungen fundiert beantworten zu können, ist jedoch neben dem temporalen Blickwinkel auch ein Vergleich auf normativer und betrieblicher Ebene vonnöten.

Diesbezüglich illustrieren die Studien, dass das vor Saisonbeginn anvisierte Ziel nach einem Trainerwechsel seltener erreicht wird als ohne. Der Vergleich mit der Kontrollgruppe, also Clubs mit nur einem verantwortlichen Coach im Betrachtungszeitraum, bescheinigt letzteren zudem auf lange Sicht eine durchschnittlich höhere Leistung.

Regressionsanalyse

Eine Regressionsanalyse verdeutlicht auf dieser Grundlage, dass der Mannschaftserfolg nach dem Trainerwechsel nicht durch den vorherigen Mannschafterfolg determiniert wird. Vielmehr kann nur dem Abschneiden der Vorsaison ein signifikanter Einfluss auf die Leistungen der Teams nach einem Trainerwechsel nachgewiesen werden.

So lässt sich der zuvor so vielversprechend wirkende Zeitvergleich wie folgt erklären: Meist erleidet ein Club im Vergleich zur Vorsaison einen bedeutenden Leistungseinbruch, der zu einem Trainerwechsel führt. Dieser führt das Team dann ohne Frage in kürzester Zeit wieder auf dieses Niveau zurück. Doch das klappt nur kurzfristig.

Betrachtet man das gesamte Bild, zeigt sich, dass dieses Vorgehen keine Leistungssteigerung mit sich bringt. Im Gegenteil: Langfristig ist sogar ein leicht negativer Einfluss auf die Leistungen zu erwarten.

Einordnung und Implikationen für die Praxis

Das Zustandekommen sportlicher Leistung und des damit direkt verbundenen Erfolgs ist schlicht zu komplex, als dass ein Trainerwechsel als Patentrezept für jegliche Art von sportlicher Negativserie dienen kann.

Einige der relevanten Faktoren lassen sich definitiv durch einen solchen Wechsel schnell und einfach beeinflussen. Daher ergeben viele Trainerwechsel in der Praxis durchaus Sinn. Besonders die langfristige sportliche Entwicklung des Teams und dessen Taktik sollte in dieser Hinsicht im Vordergrund der Überlegungen stehen.

Eine Frage gilt es aber zu beachten: Sind das immer die richtigen Stellschrauben?

Liegen die Gründe der Schwächephase in anderen Determinanten, lohnt sich ein Trainerwechsel rein rational nicht. Bloßer Aktionismus (den man im Fußball ziemlich oft erlebt!) bringt wenig langfristigen Erfolg.

In der Praxis gilt es daher zu versuchen, möglichst alle Gesichtspunkte mitzudenken. Um sich ein Urteil über die sportliche Situation und Entwicklung eines Clubs zu erlauben, muss man zunächst zahlreiche Informationen verschiedener Art zu einem komplexen Gesamtbild zusammenfügen. Es geht darum, zu differenzieren, so rational wie möglich zu denken. Erst dann kann man eine Entscheidung treffen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit langfristig aufgeht. Manchmal ist da ein Trainerwechsel sinnvoll, häufig jedoch nicht – zumindest häufiger als in der Praxis aktuell umgesetzt.

Fazit

Die Wissenschaft zeigt, dass durchschnittlich 15 Trainerwechsel pro Bundesliga-Saison eindeutig zu viel sind. Meist stellen sie die am einfachsten zu bewegende Stellschraube dar. Langfristig haben sie jedoch meist einen negativen Effekt auf die sportliche Leistung des betreffenden Teams. Geduld und differenziertes Denken sind bei der strategischen Vereinsführung daher Güter von höchster Bedeutung.


Quellen

Einen thematischen Überblick gibt:

Salomo, S. & Teichmann, K. (2002). Erfolgsmessung im Sportmanagement – Trainerwechsel und Vereinserfolg. In G. Schewe & J. Littkemann (Hrsg.), Der Profifußball aus sportökonomischer Perspektive, Schorndorf, S. 243-264.

Beispielhafte Studien sind:

Heuer, A., Müller, C., Rubner, O., Hagemann, N,, Strauss, B. Usefulness of Dismissing and Changing the Coach in Professional Soccer. PLoS One, vol. 6, no. 3, pp. 1–7.

Besters, L., van Ours, C., van Tuijl, M. Effectiveness of In-Season Manager Changes in English Premier League Football. Economist, vol. 164, no. 3, pp. 335–356.


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