Trainertagebuch #2: Kultur über Sport

Endlich beginne ich nun, im November 2021, als Fußballtrainer aktiv zu sein. Zunächst beginne ich in einem lokalen Verein als Trainer einer U10. In diesem Blog möchte ich meine Erfahrungen dokumentieren.


Idealer Coachingfokus und -inhalte in der U10

In den ersten Wochen Training habe ich mir bisher zahlreiche Erkenntnisse zum Jugendfußball auf U10-Ebene mitgeschrieben. Einige Aspekte davon hatte ich schon zuvor schemenhaft im Kopf bzw. als sinnvoll vermutet. Insgesamt ist für mich aber vor allem eine systematisierte und begründete Anordnung dessen von großer Hilfe. Unter anderem folgendes habe ich bezüglich des inhaltlichen Coachings notiert:

Auf U10-Level konzentrieren wir uns primär auf die technisch-koordinative Ausbildung der Jungs. Über verschiedenste einfach umzusetzende Übungen versuchen wir verschiedene Abläufe wiederholt zu trainieren, um das sportliche Repertoire an Techniken und Bewegungen für die Jungs auszubilden, zu erweitern und zu verfeinern.

Dabei wollen wir möglichst jede Trainingsform mit Ball gestalten, denn das ist das Zentrum des Spiels. Konditionstraining braucht man in diesem Alter noch nicht wirklich. Direkt damit hängt schließlich auch der Spaß der Jungs zusammen. Wir spielen Fußball zu einem großen Teil der Freude wegen. Das sollte man im Hinterkopf behalten.

All diese Prinzipien stimmen mit Erkenntnissen der Trainings- und Bewegungswissenschaft überein. Auch ich hatte dies zuvor als optimale Trainingsgestaltung im Kopf. Daher bin ich froh, dass darauf in unserer Gruppe Wert gelegt wird.

Ich selbst muss mich dennoch etwas daran anpassen. Intuitiv denke ich Fußball eher strukturell als detailfokussiert. In meinem Kopf spielt Taktik eine größere Rolle als Technik. Das bedeutet, dass ich mir in diesem Sinne für das Kleinfeld-Spiel im Jugendbereich einen anderen Fokus aneignen muss. Mir ist zudem bewusst geworden, dass ich mich langfristig schon lieber auf dem Großfeld sehe.

Kommunikation

Des Weiteren habe ich zuletzt viel auf zwischenmenschlicher Ebene gelernt, was sich meiner Meinung nach ebenso in die allgemein-gültige Dimension übertragen lässt.

Erstens ist gerade im Umgang mit Kindern gezielte und effektive Kommunikation von großer Bedeutung. Sowohl auf Individual- als auch auf Kollektivebene sollte die Ansprache ehrlich und prägnant erfolgen. Dabei gilt, eine angemessene Balance zwischen Strenge und Spaß zu finden.

Kultur

In dieser Hinsicht habe ich mir folgendes als oberstes Prinzip gesetzt: Noch wichtiger als der Fußball ist mir als Trainer das Implementieren einer bestimmten Kultur. Die Aufgabe der Wertevermittlung halte ich bei Trainern, genauso aber bspw. auch bei Lehrern für die langfristig relevanteste. Wer weiß, ob die Jungs und Mädchen später im Profifußball landen werden. Klar, ich möchte sie auch sportlich weiterbringen. Noch schöner und nachhaltiger wäre es jedoch, menschlich einen positiven Einfluss auf sie nehmen zu können.

Daher habe ich mir Prinzipien notiert, die ich zukünftig als Trainer vertreten und in der Mannschaft etablieren möchte. (Einige davon werden auch jetzt schon in unserem Mannschaftsrahmen gelebt.) Auf der einen Seite erwarte ich natürlich, dass jeder auf ehrgeizige Weise alles gibt, was er kann – gleich auf welche Tätigkeit sich das beziehen mag. Das ist die Grundvoraussetzung für Erfolg, wie ich finde. Zu diesen Werten gehören andererseits jedoch auch wichtige Faktoren wie Fairness und Ehrlichkeit. Genauso halte ich Augenhöhe und Respekt für entscheidend.

Hält sich einer der Jungs nicht daran, muss man diese Überschreitung der eigenen Regeln klar benennen. Just in der letzten Woche hatten wir den Fall einer heftigen Beleidigung unter den Jungs. In einem solchen Fall gilt es, konsequent zu handeln. In dieser speziellen Situation schloss unser Trainer den betreffenden Jungen vom restlichen Training aus, nachdem er schon zuvor bezüglich seines aggressiven Auftretens verwarnt worden war. Diese Maßnahme hielt ich für richtig und wichtig.

Fehler und Feedback

Der kulturelle Gesichtspunkt geht direkt mit einer konstruktiven Fehler- und Feedbackkultur einher. Jeder darf Fehler machen, niemand sollte davor Angst machen. Auch der Trainer macht Fehler! Wichtig ist, wie man damit umgeht.

In der Praxis ist dabei für den Trainer wieder die Artikulation des Feedbacks von großer Bedeutung. Ich habe gemerkt, dass man stets auf eine ausgewogene Formulierung von positiver wie negativer Kritik achten sollte – auch wenn man anfangs intuitiv ggf. einseitig denkt. Beschäftigt man sich mit letzterem ist zudem entscheidend, stets eine positive Zukunftsformulierung statt negativem „Gemecker“ einzubauen. „Was hilft dem Spieler beim nächsten Mal, erfolgreicher zu agieren?“ statt „Was hat der Spieler falsch gemacht?“.

Auch wichtig: Warum ist das so? Teils ist auch die Erklärung der Tipps sinnvoll. Ein Spieler kann Anweisungen grundsätzlich besser umsetzen, wenn er ihren Sinn versteht.

Kommunikationstipp: Namedropping

Als in der Kommunikation hilfreich hat sich bei mir herausgestellt, dass Namedropping einen hilfreichen Effekt haben kann. Wie in klassischen Kommunikationstrainings gelehrt, schafft das namentliche Ansprechen des Gegenübers eine besondere, nähere Beziehung der Kommunikationspartner. Der Trainer verdeutlicht so unterbewusst, dass er sich verstärkt und tiefgründig mit dem Spieler als Persönlichkeit auseinandersetzt. So erreicht man die Jungs besser, wie ich finde.

Fazit und eigene Erfahrung

Mir ist es so überraschend gut gelungen, die ersten Einheiten allein zu coachen. Zum Beispiel fällt es mir normalerweise schwer, unter Zeitdruck präzise Aussagen zu formulieren. Intuitiv und unter Hilfe der schnell übernommenen Erkenntnisse während der ersten Trainings lief das dieses Mal aber erstaunlich gut.

Ich merke schon noch, dass einige der Jungs meine Autorität und Konsequenz austesten. Doch das ist sicher ziemlich normal. Ich bin gespannt, wie das sich in Zukunft entwickeln wird. Gerade das Etablieren der angesprochenen Werte wird sicherlich spannend und herausfordernd. Noch weiß ich nicht, wie das ablaufen wird; bin aber defintiv zuversichtlich, dass es klappt.


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