Sportökonomie: Warum spielen wir Fußball in Ligen?

Im Fußballbereich werden fast alle Wettbewerbe im Format einer Liga organisiert. In Deutschland arbeitet man mit drei vertikal geschalteten Profiligen und weiteren Amateurligen darunter. Doch warum macht man das überhaupt? Es lohnt sich ein Blick auf die Ökonomie des Ligensystems.

Was ist eine Liga?

Zunächst ist ein knapper theoretischer Überblick nötig: In einer Liga treten eine bestimmte Anzahl an Teams in Form eines sportlichen Wettbewerbs gegeneinander an und spielen dabei um einen Titel. Das fällt einem sicher zuerst ein. Sichtet man jedoch weitergehend die sportökonomische Fachliteratur, kristallisieren sich weitere konstituierende Merkmale heraus: Stets beruht dies auf einem spezifischen Regelwerk und folgt einem klaren und begrenzten zeitlichen Rahmen.

Welche Wettbewerbsformen gibt es?

Nun kann dieser sportliche Wettbewerb verschiedene Formen annehmen. Die zwei meist genutzten Konzepte lassen sich mit der Nennung des Round-Robin-Formats und dem Elimination Tournament zusammenfassen.

Die Bundesliga folgt beispielsweise ersterem; es spielen also bestimmte Teams auf Grundlage eines zuvor festgelegten Spielplans gegeneinander. Durch die Aggregation aller Spielergebnisse spielen sie so den Meistertitel unter sich aus.

Die K.-O.-Phase der Champions League kann dagegen als Beispiel für ein Elimination Tournament dienen. Je nach Konzept führen eine Niederlage in einem Spiel (single elimination) oder das summierte Unterliegen in zwei Spielen (double elimination) zum Ausscheiden eines Teams. Wer alle seine Spiele für sich entscheidet, bleibt am Ende als Meister übrig.

Häufig kombiniert man auch die beiden genannten Formate, wie beispielsweise die WM verdeutlicht. Zu Beginn werden nach dem Round-Robin-Prinzip einzelne kleine „Ligatitel“ ausgespielt, die dann in ein weiterführendes Turnier münden.

Form der deutschen Bundesligen: Warum?

All das mag bisher vielleicht wenig spannendes Neuwissen bringen – interessanter wird es, diese Grundlagen auf das deutsche System der Bundesligen zu beziehen und hinter die ökonomische Fassade schauen.

Warum eine Liga? Und warum im Round-Robin-Format?

Nahezu überall auf der Welt, genauso wie in Deutschland, organisiert man den Fußball in Ligen. Das hat aus ökonomischer Sicht einige Gründe. Würden wir einfach nur ein Fußballspiel produzieren, ließe sich das auch vermarkten. Man könnte genauso Tickets verkaufen, die Produktion des Spiels medial weiter verwerten lassen und aus dieser Unterhaltungsdienstleistung so Erlöse erzielen.

Die Nachfrage nach einem solchen Gut hängt jedoch logischerweise unter anderem vom Grad der Spannung des Spiels ab. Je ungewisser der Spielausgang, desto mehr Zuschauer interessieren sich für den Wettbewerb.

Zwar kann ein solches Einzelspiel durchaus spannend sein – eine Liga schafft es aber, diese Spannung noch viel weiter in die Höhe zu treiben. Es kommt ein dritter Produktionsschritt hinzu, indem die Liga die einzelnen Spiele in einen größeren Zusammenhang bringt. Beispielsweise durch die Tabelle und die damit einhergehende gestiegene Bedeutung der relativen Stärke eines Teams (im Vergleich zu den Konkurrenten) kreiert man ein weitaus spannenderes Meisterschaftsrennen. So steigen die Spannung, die Nachfrage und damit auch die Einnahmen des Organisators.

Warum eine offene Liga?

Daran anschließend lässt sich die Bundesliga auch unter dem Gesichtspunkt ihrer Teilnahmevoraussetzungen betrachten. In dieser Hinsicht unterscheidet man offene und geschlossene Ligen. Letztere kennen wir aus amerikanischen Sportarten, während wir in Deutschland (und in vielen anderen Ländern) offene Wettbewerbe mit der stets relevanten Möglichkeit eines Auf– bzw. Abstiegs beobachten können.

Auch die Entscheidung für eine offene Liga lässt sich ökonomisch schlüssig begründen. Zunächst erhöhen Auf- und Abstiege die Spannung des Wettbewerbs, da es eben nicht nur um den Meistertitel geht, sondern auch andere Tabellenbereiche von Relevanz sind. (Wie langweilig wäre die Bundesliga, ginge es dort nur um den Meistertitel!)

Außerdem: Um die Spannung (und damit die Nachfrage) des Wettbewerbs zu maximieren, sollte die Liga möglichst ausgeglichen sein. Nur so bleibt der Ausgang einer Partie ungewiss. Dahingehend kann die Gefahr vor einem Abstieg positiv wirken, indem sie einen Anreiz darstellt, in neue Spielstärke zu investieren. In diesem Fall würden sich die Spielerqualitäten und Spielstärken gleichmäßiger auf die Clubs der Liga verteilen.

Anhand dieser ökonomischen Vorteile wird klar, warum Fußball weitestgehend im (offenen) Ligaformat betrieben wird. Aus den Betrachtungen ergeben sich jedoch euch gleichzeitig einige Probleme und Gefahrenquellen, mit denen eine Liga Typ Deutschland umgehen muss.

Welche Gefahren birgt ein solches Konzept?

Vor allem die Ausgeglichenheit des Wettbewerbs ist ein Gesichtspunkt, der in der Realität nur schwer ideal umsetzbar ist. Neun Meistertitel für den FC Bayern München sprechen schließlich Bände. Viele meinen, dass die Spannung gerade in der 1. Bundesliga nicht mehr vergleichbar ist mit den Zeiten von vor einigen Jahren.

Dieser Umstand hat viele komplexe Gründe, zu viele, um diese hier explizit aufzugreifen. Bezieht man dies auf die ökonomisch-theoretischen Überlegungen zum Ligasystem, muss man aber zum Beispiel folgendes festhalten: Eine offene Liga birgt auch die Gefahr, dass schwächere Teams aufsteigen als absteigen und somit die Ausgeglichenheit vermindert wird. (Nun lässt sich diskutieren, ob aktuell bspw. die SpVgg Greuther Fürth als abgeschlagener Letzter dafür als Beispiel herhalten kann. Ich würde argumentieren, dass die Situation schon noch etwas komplexer ist, sie dennoch die Problematik zu einem gewissen Teil verdeutlicht.)

In diesem Zusammenhang können beispielsweise auch Fahrstuhlclubs ökonomisch nachteilige Konsequenzen haben – nämlich dann, wenn sie nach Aufstieg nur sehr vorsichtige Investitionen tätigen, da sie sowieso einen direkten Wiederabstieg erwarten. (Das ergibt zwar aus Vereinsperspektive ohne Frage Sinn, kann sich aber auf das Gesamtprodukt Liga auswirken.)

Adaptationsmöglichkeiten

Um für mehr Ausgeglichenheit zu sorgen, sind übrigens Relegationsspiele von großem Wert. Klar, über deren Ausgestaltung im Detail lässt sich definitiv diskutieren. Aus rein ökonomischer Sicht verhindern sie aber, um es plakativ zu sagen, Aufstiege „zu schlechter“ Teams.

Eine weitere Möglichkeit, um für größtmögliche Spannung zu sorgen, wäre eine leistungsunabhängige Umverteilung gewisser Einnahmen. So könnte man – je nach Modell mehr oder weniger effektiv und signifikant – schwächeren Clubs die Möglichkeit verschaffen, sich spielerisch zu verstärken und an das Level ihrer Konkurrenten anzunähern. Ob die Bundesliga mit der aktuellen Umverteilung ihrer TV-Einnahmen in dieser Hinsicht das effektivste Modell verwendet, ist dahingehend sicher ein diskutables Anschlussthema.

Fazit

Die ökonomische Betrachtung zeigt, warum die deutschen Ligen und auch nahezu alle anderen Wettbewerbe im Fußballkontext in Form einer Liga konzipiert sind. Damit gehen einige signifikante wirtschaftliche Vorteile einher, die den Erlös der Organisatoren steigern. Gleichwohl zeigen diese idealisiert-theoretischen Überlegungen im Vergleich, welchen Problemen und komplexen Zusammenhängen Liga-Verantwortliche in der Praxis gegenüberstehen. Die Unausgeglichenheit dient in dieser Hinsicht als ein prominentes Beispiel, wo sicher auch die deutschen Bundesligen noch Verbesserungspotenzial haben.


Verweise & Weiterführendes

Daumann, F. (2019). Grundlagen der Sportökonomie, 3. Aufl., Konstanz, München, S. 21–44, 152–257.

Noll, R. G. (2003). The Organization of Sports Leagues. In Oxford Review of Economic Policy, Vol. 19(4), pp. 530 – 551.

Szymanski, S. (2003). The Economic Design of Sporting Contests. In Journal of Economic Literature, Vol. XLI, pp. 1137-1187.


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