Gut ist nicht gut – Ein Plädoyer für differenzierten Diskurs

Ich mag den Begriff „gut“ nicht. Warum? Ich spreche oft und viel mit Menschen, und das über verschiedenste Themen. In der Zeit von Social Media muss man über die Art und Weise dessen, über Denk- und Diskussionsweisen noch einmal besonders nachdenken. Hier möchte ich einmal meine Gedanken zu diesem Thema herunterschreiben.


Erkenntnistheorien

Die Philosophie kennt verschiedene Konzeptualisierungsformen des Verhältnisses zwischen Realität und menschlicher Wahrnehmung. Die Realisten meinen, dass eine erkennbare Wahrheit unabhängig von dem menschlichen Denken existiert und der Mensch daher die Wahrheit erkennen und über Kommunikation auch abbilden kann.

Dagegen betont der radikale Konstruktivismus, dass zweifellos Unterschiede zwischen der Perzeptionswirklichkeit eines jeden Individuums und der Operationswirklichkeit bestehen. Jeder konstruiere sich seine eigene subjektive Wahrheit, eine absolute Wahrheit existiere nicht (oder sei zumindest für das menschliche Denken nicht erreichbar oder abbildbar).

All diese individuellen Wahrheiten sind also reduzierte und vereinfachte Abbildungen der Operationswirklichkeit. Einerseits liegt dem der Umstand beschränkter Transparenz zugrunde, andererseits spielt dabei auch die Sprache eine große Rolle. Durch die (für Denken und Kommunikation absolut notwendige) Bezeichnung der Welt anhand von Begriffen, die den zu beschreibenden Gegenstand nur grob kategorisieren, jedoch nie komplett genau widerspiegeln können, baut man sich seine eigene Wirklichkeit.

Sprachskepsis

Dieses Phänomen aus dem Bereich der Sprachkritik bzw. Sprachskepsis kann man gut oder schlecht finden – das ist eine absolut berechtigte, spannende und ebenso kontroverse Frage. Darum soll es mir hier aber nicht gehen. Halten wir folgendes fest: Eine solche Reduktion ist meines Erachtens nach absolut notwendig für uns Menschen, um sinnstiftend denken, kommunizieren und handeln zu können. Doch sie birgt auch Gefahren.

Gefahren nach dem radikalen Konstruktivismus

Legt man die konstruktivistische Idee zugrunde, ergibt sich ein großes Problem rund um das menschliche Handeln. Dieses basiert schließlich stets auf der individuellen Wahrnehmung eines Jeden, wirkt sich faktisch aber auf die Operationswirklichkeit aus. Eben jene Differenzen dieser beiden Wirklichkeitskonstruktionen können so Konsequenzen menschlichen Handelns hervorrufen, die zuvor alles andere als intendiert waren.

Lösungsvorschlag

Um die eigenen Ziele und Vorhaben zu erreichen, sich so zu entscheiden, dass die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des gewünschten Ausgangs so hoch wie möglich ist (Absolutheit gibt es schließlich nie, externe Effekte sind stets im Hinterkopf zu behalten), muss man versuchen, die Welt und all das, was auf ihr passiert, so gut wie möglich einzuordnen. Wenn ich eines meine in meiner Schulzeit gelernt zu haben, dann dass das Einordnen meiner Meinung nach eine der bedeutendsten Fähigkeiten eines Menschen ist.

Es gibt keine absolute Wahrheit – bzw. kommen wir nicht an eine solche heran. Daher müssen wir wenigstens versuchen, uns dieser soweit wie möglich anzunähern. Das können wir nur, indem wir versuchen, viele Facetten eines Etwas (Gegenstand/ Ereignis/ Frage) in unsere Wirklichkeitskonstruktion einzubeziehen. (Das ist ferner übrigens genau das, was Wissenschaft versucht.)

Denk-, Kommunikations- und Verhaltensweisen

Die Soziologie meint, dass Menschen grundsätzlich zu einfachen und klaren Denkmustern tendieren. (Was übrigens schon seit Aristoteles durch Demagogen angesprochen und ausgenutzt wird, heutzutage verstärken unterkomplexer Online-Journalismus und Social Media diesen Trend noch weiter.) Häufig erlebe ich Menschen, die in Diskussionsfragen (zumindest meiner Perspektive nach!) tendenziell stark in scharf abgegrenzten Schwarz-Weiß-Schemata denken. Menschen, die nur begrenzt andere Sichtweisen wahrnehmen und die eigenen Ansichten nur selten hinterfragen. Bezugnehmend auf die konstruktivistische Denkweise bin ich davon überzeugt, dass eine solche Denkweise hinsichtlich individueller Vorhaben und Ziele nicht zielführend ist.

Auf Basis der wenigen Erfahrungen, die ich mit aktuell 17 Jahren bisher machen durfte, kann ich nur zu einem Schluss kommen: Unsere Welt ist unglaublich komplex, eine solche unterkomplexe Denkweise kann das nicht widerspiegeln. Daher gilt es meiner Meinung nach, stets zu versuchen, in Grautönen zu denken. Es geht um die Wahrnehmung verschiedenster Perspektiven, es geht um das Beachten des Kontexts, es geht um Hinterfragen und Reflektieren. Nur so minimiert man die Unterschiede zwischen eigener Wahrnehmung und der Realität, nur so kann man Urteile fällen, Entscheidungen treffen und Handlungen vollziehen, die meist auch ihrer ursprünglichen Intention folgen. Und nur so kann der so bedeutende interpersonale Diskurs zur Aushandlung kontroverser Fragen fundiert und zielorientiert zu einem sinnstiftenden Ende geführt werden.

Warum mag ich „gut“ nicht?

Um im diesem Sinne auf den anfänglichen Teaser zurückzukommen – genau deswegen mag ich den Begriff „gut“ nicht. Für mich sagt er alleinstehend (!) schlicht nichts aus. Er zeigt eine grobe Tendenz der subjektiven Einschätzung eines Individuums an, ist insgesamt aber viel zu ungenau. Der Bezugsrahmen fehlt, sodass der Begriff an Aussagekraft verliert. Was bedeutet „Das Fußballspiel war gut.“ denn genau?

Ich plädiere dafür, etwas weiter auszuholen. Überall lassen sich sowohl positive als auch negative Aspekte finden, die es zudem dann konkret zu benennen gilt. Nur so schafft man eine fruchtbare Grundlage, um fundiert und zielorientiert zu denken, zu kommunizieren, zu handeln.

Einordnung

„Das war ein gutes Fußballspiel.“ Genau den Satz habe ich selbst schon einige Male im #SGD1953-Podcast verwendet. Ohne Frage, ich benutze diesen ungenauen Begriff häufig, genauso wie andere auch.

Um sich Sachverhalte plastisch zu machen, braucht es manchmal sinnvolle Reduktionen. Ein Beispiel dafür bilden ausgewählte wissenschaftliche Erklärungsmodelle. Anderes Beispiel: In bestimmten Formen der Kommunikation ist es schlicht nicht sinnvoll, sich so genau und tiefgründig wie möglich auszudrücken. Spreche ich mit Freunden über Alltägliches, halte ich eine kurze Präsentation, produziere ich einen Podcast ist das unnötig und kontraproduktiv. (Wer hört mir noch zu, wenn ich eine halbe Stunde brauche, um einen einzelnen Punkt zu begründen? Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn man sich an unsere ersten Podcast-Folgen erinnert …)

Abhängig vom Kontext muss man versuchen, den eigenen Tiefgründigkeitsgrad (zumindest bezüglich Kommunikation) anzupassen – ansonsten schlägt mehrseitige (!) Kommunikation fehl. In diesem Sinne eignet sich der Begriff „gut“ beispielsweise als einfach zu formulierende (weil ungenaue) Zusammenfassung eines zuvor weiter ausgeführten Sachverhalts. („An diesem Fußballspiel gefiel mir x, y, und z. Dagegen empfand ich a, b und c für nicht sinnvoll. Trotzdem war das insgesamt ein gutes Spiel.)

Fazit

Genauer ausgeführt und bewusst eingesetzt, hat der Ausdruck „gut“ seine Berechtigung. Dagegen ist er alleinstehend und ohne Kontext nahezu nutzlos. Dieses Beispiel zeigt, dass man der Operationswirklichkeit nur durch weit greifendes Einordnen und Reflektieren nahe kommt. Erst dann ist es möglich, sinnstiftend und zielführend zu entscheiden, zu kommunizieren, zu diskutieren, zu handeln. Und dabei muss man beide Seiten mitdenken – sinnvolle Reduktion in der Praxis, aber gleichzeitig stets umfassende und differenzierte Reflexion. Obwohl ich die Schwierigkeit dessen selbst sehr gut nachvollziehen kann: Manchmal wünsche ich mir – bezugnehmend auf viele Bereiche und Diskussionsfragen des Lebens, aktuelle und historische –, dass das alle Menschen versuchten.


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